S- FOR
       
   
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(BEWEGUNG NURR, Frederik Foert, Alen Hebilovic, Alekos Hofstetter, Andreas Koch, Timo Nasseri, Christine Weber)

S-FOR sind bildende Künstler, die sich Ende der Neunzigerjahre in Berlin gefunden haben. Hier ist so etwas wie eine Gang am Werk. Ich beziehe mich nicht auf die Entwicklung eines bestimmten Stils oder Gestus in den Werken, sondern auf die Art und die Intensität des Diskurses um bildende Kunst untereinander. Der rote Faden dieses Diskurses zieht sich durch die Themen Kapitalismus- und Globalisierungskritik. Kulturelle Grenzen befinden sich in Auflösung. ?Es entstehen transkulturelle Handlungsspielräume, die von der global operierenden Kultur- und Werbeindustrie ausgefüllt werden. Die omnipräsenten Marketing- und Repräsentationscodes der westlichen Dienstleistungsgesellschaft werden in den Arbeiten der Künstler ebenso beleuchtet wie ihre Abfallprodukte und Psychosen, die aus der Angst vor dem Scheitern und dem spirituellen Vakuum des Kapitalismus erwachsen."

Der Kern von S-FOR kennt sich teilweise bereits aus Studententagen und gilt in der Öffentlichkeit als Gang. Es handelt sich um keine stabile Gruppe, sondern um Repräsentanten einer Szene, die bei vielen Gelegenheiten in zufälligen Gruppierungen aufeinander getroffen sind, um ein bestimmtes Thema, eine bestimmte Tendenz in der neusten Kunst zu diskutieren und zu leben. Manche sind durch intimere Bande verknüpft als eine gemeinsame Hochschulvergangenheit bzw. Ausstellungstätigkeit. Auch arbeiten Alekos Hofstetter, Christian Steuer, Lokiev Stoof unter dem Namen BEWEGUNG NURR als Künstlerkollektiv zusammen und sind im vergangenen Jahr gemeinsam mit Peter Sandhaus aufgetreten. Das öffentliche Gruppenimage verhindert jedoch nicht, dass unter den ?Mitgliedern" nicht auch Spannung und Misstrauen herrscht; sie können diskret auf Mängel hinweisen oder unterschwellig Missfallen bekunden, und sie können in Grund und Boden verdammen. Manche arbeiten individuell, und andere arbeiten miteinander, teilen sich Ateliers, suchen beim anderen Beistand, doch alle haben überlappende Interessen und Sensibilitäten.

Natürlich ergreifen Künstler hier nicht zum ersten Mal die Initiative zur Eigenwerbung, statt auf Kritiker, Sammler, Händler oder Museumskuratoren zu warten. Kunst muss zuerst konzipieren, dann ausgeführt und dann einem Publikum - und sei es noch so klein - präsentiert werden, bevor sie ein Chance hat, ins Kulturgut einzugehen. In Frankreich des 19. Jahrhundert waren Géricault, Courbet, Manet oder die Impressionisten allesamt Künstler mit Unternehmergeist, die sich einem unwilligen Publikum aufdrängten. Dasselbe gilt für die großen Kunstbewegungen des 20. Jahrhunderts. Sie entstanden durch Künstler, die Werke schufen, welche das Publikum weder wollte noch erwartete, jedoch zu schlucken gezwungen war, weil sie Themen des modernen Lebens aufgriffen, vor denen man die Augen nicht verschließen konnte. Zu diesem widerwilligen Publikum zählten auch Kritiker und Sammler, selbst ältere Künstlerkollegen, die sich zwangsläufig in ihrer Vorherrschaft bedroht fühlten. Doch wem würde nicht unbehaglich angesichts des Unbekannten in der Kunst, wie in allen anderen Bereichen auch? Es fällt leicht, sich in das zu verlieben, was als richtig und angebracht, gut oder schön gilt. Heute lieben wir die Impressionisten, weil sie uns vertraut sind und keinerlei Unbehagen mehr auslösen. Doch die Hauptaufgabe neuer Kunst besteht darin, das Gefühl der Behaglichkeit zu erschüttern. Was ist nun so neu an der Kunst von S-FOR?

 

Die bedeutendsten Bilder sind jene, die Realität und Wahrnehmung heraufbeschwören. Auch heute strebt der junge Geist, der junge Blick nach Offenbarung und Selbsterkenntnis. Bei den Werken von Alekos Hofstetter, Frederik Foert, Timo Nasseri, Alen Hebilovic, Andreas Koch, Christian Steuer, Lokiev Stoof und Christine Weber haben wir die Chance, unsere gegenwärtigen Obsessionen hautnah zu erleben. Das Mysteriöse, Freakige und das Pathologische unserer Gesellschaft: alles wird durch die Kreativität dieser in Berlin lebenden Künstler gefeiert. Nüchterner könnte man auch formulieren: S-FOR   ist ein Kommunikations- und Produktionsrahmen für eine unbedingt auch politisch zu lesende Auseinandersetzung mit der Realität.

Das Zurückverfolgen ihres verflochtenen Werdegangs über die letzten Jahre gleicht der Suche nach der Quelle eines Flusses: man weiß in etwa, in welcher Gegend er entspringt, doch herauszufinden, wie es zum ersten Rinnsal und wo es durch Zuflüsse anschwoll, erfordert sorgfältiges Erkunden. Da sind zunächst die üblichen Faktoren: die Herausforderungen der jüngsten Geschichte und der formende Einfluss der Ausbildung; ein gemeinsames ästhetisches Klima; soziale Bande; die komplexe Interaktion der Künstler und der Versuch, sich dieser Szene entweder anzuschließen oder sie durch eigene Werte und ein neues System zu ersetzen. Bei genauerem Hinsehen allerdings stellt man fest, dass die Gegensätze wesentlich ausgeprägter sind als alle Gemeinsamkeiten.

Solche Gegensätze spiegeln das scheinbar unbegrenzte Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten, das den Künstlern am Anfang des 21. Jahrhunderts zur Verfügung steht. Paradoxerweise ist es gerade die Vielfalt in Ansatz, Intention und Ausführung, die die Künstler verbindet.

Dr. Konstantin Ingenkamp

Berlin

Boris Abel in: BEWEGUNG NURR. Hrsg. v. Kulturamt d. Landeshauptstadt Dresden und Leonhardi-Museum, Dresden. Verlag ABEL Neue Kunst, Berlin 2002. Seite 4.

 

 

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