Marko Zink: „Wer’s glaubt“
Fixierte Flüchtigkeit
Man kennt das. Spaziergang im Wald, der Blick schweift durch das Dickicht der Stämme, der Kopf wendet sich und... Da war etwas! Eine Fahrt durch belebte Straßen, die Umwelt wischt in Sekundenbruchteilen vorbei, zwischen zwei Wimpernschlägen... Ein Gesicht! Untergetaucht im aufgewühlten Wasser, kurz an der Taucherbrille genestelt, wähnt man für einen Augenblick... Nein, nicht nur ein Schatten!
Es sind Eindrücke, Bilder für deren Wahrhaftigkeit sich keine Beweise finden lassen, so flüchtig sind sie – aufgeblitzt lediglich für einen Moment. Marko Zinks Fotografien scheinen diese Beweise zu liefern, wirken, als ob es dem Fotografen gelungen wäre, selbst den flüchtigsten jener Momente, die kleinste Einheit von Zeit, einzufangen. Zink fixiert das Licht im Bild oder – wenn man so will – die Zeit am lichtempfindlichen Material. Ein flüchtiger Moment, der sich manifestiert und Gestalt annimmt, der sich auffaltet, öffnet wie ein Täschchen. Aber Marko Zinks Fotografien sind nicht „wahrhaftig“, sie inszenieren die Qualität jener flüchtigen Momente, jene Zeit, die wenig wahrscheinlich, die nur vage möglich ist.
Es ist eine mögliche Zeit parallel zu der tatsächlichen, die Marko Zink beschreibt. Zeiten, die sich wie kleine Fenster stets in sehr abgeschlossenen, manchmal auch fremden, unheimlichen Lebensräumen öffnen: Im Wald, im Wasser, im (selbst gewählten) Gefängnis der eigenen Wohnung. Die Zeit, die dort – in den kleinen urbanen Einheiten – vergeht, hat keine Zeugen – außer dem Ballungsraum-Eremiten selbst. Und dieser hat Mühe an seine eigene Existenz zu glauben, wäre da nicht sein Spiegelbild. Zink entdeckt es in den stummen Gefährten eines modernen Haushalts: Im E-Herd, der Mikrowelle, im Staubsauger, der Dusch-Armatur. – „Stillleben“ (2002-2004) nennt Zink die fixierten Spiegelungen, die in Größe und Platzierung die Realität nachbilden. Eine Serie von Existenzbeweisen und nicht die Tagebuch-Anekdoten eines Narziss.
Existenzbeweise auch die unter Wasser treibenden Kleider: An ihnen haften Geschichten. Es sind „schwimmer“ (2004-2006), die im griechischen Türkisblau eine mögliche parallele Biografie erhalten: ein tauchender Pulli wird in Zinks fixierter Flüchtigkeit ein knallrot gestreifter Rochen und das Kleid aus dem Sisi-Fundus imaginiert ein nicht weniger dramatisches Ende der Kaiserin.
Diese Geschichten, ja Tragödien, tragen auch Momente des Verschleierns in sich; sie drohen jeden Moment wieder in der Zeitfuge zu verschwinden. Ein verunklärender Aspekt, der sich auch im Ästhetischen wiederfindet: Die Manipulation des Films durch Kochen – in früheren Arbeiten durch spontane gestische Abarbeitungen Zinks mit Schmirgelpapier, mit Benzin und Chlor – verleiht seinen Fotografien einen sehr malerischen Charakter. Die verschwommenen Bildpunkte, das drohende Auflösen jeglicher Struktur beinhaltet auch etwas Irreales – oder eben eine fixierte Möglichkeit. So wie es die Beispiele seiner neuesten Serie „tragödien“ zeigen: Szenerien zwischen Gruseln und Komik, die ihre strenge inhaltliche und formale Konzeption vergessen machen. Leben nach dem Supergau oder der x-ten Schönheits-OP? Zink antwortet mit Halbwesen in toten Wäldern oder menschlichen Bojen, rüttelt jedoch an ihrer vagen Möglichkeitsform: „Wer's glaubt".
Anne Katrin Feßler |